Leitkriterien

Eine Definition und damit auch Abgrenzung der Preenaction Methode von bestehenden Verfahren zukunftsorientierter Forschung ist entlang der folgenden Leitkriterien möglich:

Spekulation statt Prognose:

Preenaction nimmt alternative Wirklichkeitsentwürfe auf der Basis von spekulativen disruptiven Veränderungen vorweg und kann so auch unabhängig von aktuellen Theorien, empirisch belegbaren Fakten oder Prognosen neue Formen gesellschaftlicher Teilsysteme in Experimenten erforschbar machen.

Komplexitätsreduktion:

Preenaction setzt den Fokus auf einen spezifischen Ausschnitt oder eine spezifische Fragestellung für ein soziales Teilsystem und konstruiert daraus ein artifizielles simplifiziertes Regelsystem, unter dessen Bedingungen Veränderungen erst erforschbar werden.

Singuläre Modellentwicklung:

Preenaction bedarf eines Modells als Grundlage, um ein System bzw. Systemveränderungen spielbar zu machen. Hierzu werden abhängig vom konkreten Referenzsystem und der spezifischen Fragestellung komplexe Strukturen, Zusammenhänge und Dynamiken in analogiebildende Modelle übersetzt, die für den betrachteten Fall einzigartig sind.

Spielbarkeit:

Eine zentrale Herausforderung von Preenaction ist die Verbindung eines Forschungssetups mit vertrauten oder leicht erlernbaren Spielprinzipien, die die Spieler involvieren, motivieren und in Interaktion versetzen. Ein spielbares Experimentalsystem soll maximal spielbar und im Spielergebnis maximal validierbar sein.

Möglichkeiten statt Setzungen:

Preenaction modelliert keine idealen Zustände oder normativ gesetzte Systementwürfe, sondern gestaltete flexible Varianten von Systemen, die so oder auch ganz anders sein können.

Fragen statt Antworten:

Preenaction ist ein ergebnisoffener Prozess. Es sollen keine im Vorfeld eindeutig feststehenden Hypothesen bewiesen, sondern Möglichkeitsräume eröffnet werden, durch die konkrete Fragen im Prozess erst entstehen und die den Anstoß f��������r die Ausarbeitung konkreter Experimentalbedingungen geben.

Übersetzen statt Abbilden:

Preenaction strebt keine 1:1 Simulation von Wirklichkeitsauffassungen oder Wahrscheinlichkeiten an, sondern bedient sich kreativen Mitteln der Übersetzung und Darstellung, um Vorstellungswelten zu kreieren, die vom konkreten Bezugssystem abstrahieren. So wird es möglich, zu neuen Erfahrungsräumen zu gelangen, die die Grenzen des derzeit Vorstellbaren erweitern und Unsichtbares durch die Übertragung in einen fremden Kontext oder eine andere Formensprache sichtbar machen.

Disziplinübergreifende Sprache:

Preenaction ermöglicht  durch die Notwendigkeit, Expertenwissen und Erfahrungen in einfache Modelle und spielbare Regelkreise zu übersetzen, Verständigungsbarrieren zwischen Disziplinen, Interessengruppen und Praxiswelten zu verringern.

Teilstandardisierung:

Preenaction beruht auf einem eigenen Set von Techniken, Tools und Patterns, die für unterschiedliche Szenarien modular eingesetzt werden können, für den konkreten Fall jedoch modifiziert u.U. modifiziert werden müssen. Der Prozess der Entwicklung eines spielbasierten Experimentalsystems mit den entsprechenden Experimentalbedingungen und dem Forschungsdesign soll dabei jedoch stets transparent und unter konstanten Bedingungen mit vergleichbaren Ergebnissen wiederholbar sein.

Die Methode erforscht sich selbst:

Preenaction als neue und daher noch nicht etablierte Methode betrachtet seine Techniken, Tools und Patterns zun����chst selbst als „epistemische Dinge“ (n. Jörg Rheinberger), d.h. sie sind selbst in konkreten Szenarien erst schrittweise zu entwickelnde, zu testende und zu modifizierende Gegenstände der Forschung.

Iterative Entwicklung:

Ein spielbasiertes Experimentalsystem kann nicht theoretisch auf dem Papier oder allen durch Gedankenexperimente entwickelt werden, sondern muss in mehreren iterativen Schritten anhand zunächst einfachen und unaufwändig herzustellenden Papier-Prototypen intern und unter Einbezug von externen Probanden getestet, modifiziert, verfeinert und schließlich gestalterisch umgesetzt werden.

Dramaturgie:

Spielbasierte Experimentalsysteme sind Spielentwürfe, die sich dramaturgischen Mitteln der Spielentwicklung bedienen und den Spieler als wesentlichen Mitgestalter von spekulativen Zukunftsnarrationen durch Techniken und Tools des Storytellings einbeziehen.

Performativität:

Preenaction produziert die “epistemischen Dinge” (n. Jörg Rheinberger), also die Gegenstände der Forschung, im Entwurfs- und Spielprozess, d.h. Wissen entsteht performativ, während sowohl das Spiel als auch die Spieler in unterschiedlichen Spielphasen eine Transformation durchlaufen.

Spielimmanentes Wissen:

Das in spielbasierten Experimentalsystemen produzierte Wissen liegt nicht in verbaler oder statistischer Form vor, sondern artikuliert sich in iterativen Entwurfsprozessen und den durch unterschiedliche Spielentw��rfe angestoßenen Handlungen der Spieler. Es bedarf entsprechender Beobachtung-, Aufzeichungs- und Auswertungsmethoden, die dieses Wissen verfügbar machen.

Partizipation:

Preenaction ist eine partizipative Methode, die von der freiwilligen Involvierung möglichst unterschiedlicher Spieler und Spielerkonstellationen lebt. Die spielbasierten Experimentalsysteme werden als Gesellschaftsspiele entworfen, sodass unabh��ngig von einem an ein Labor gebundenes Experimentalsetting eine neue Form partizipativer Forschung angestoßen werden kann, die flexibel an unterschiedlichen Orten wiederholt und Personen mit unterschiedlichen kulturellen, Bildungs- und Erfahrungshintergründen einbeziehen kann.

Immersion:

Die Spieler müssen in einen immersiven, flowartigen Spielprozess versetzt werden, der sie vergessen lässt, dass sie “nur” spielen und auf diese Weise auch unbewussten Handlungen und Reaktionen zutage fördert, die erst im Nachhinein  bzw. beim bewussten Heraustreten aus dem Spielprozess rational reflektiert werden.

Intuition und Zufall:

Spielbasierte Experimentalsysteme können nicht 1:1 anhand eines standardisierten Methodenrepertoires entwickelt und umgesetzt werden. Das methodische Repertoire für Preenaction wird selbst erst aus der Praxis heraus im Zuge von Erfahrungen in unterschiedlichen Projekten entwickelt und verfeinert. Ein funktionierendes Spiel, das zugleich den Ansprüchen der Spielbarkeit und der Forschung genügt, ist nicht nur das Ergebnis stringenter Methodenanwendung, sondern erfordert praktische Erfahrung, die sich auch aus Intuition und Zufallsentdeckungen speist. Preenaction bleibt dabei stets offen für die eigene Weiterentwicklung.