Zukunft der Urbanität: Preenaction feat. Pop Up City

Im Rahmen des Salon Publik #3, einem Symposium von content.associates zur Zukunft der Urbanität im Architekturzentrum Wien (24. und 25.10.), traf eine neue Version des Preenaction Spiels SQS.loc auf die Pop Up City. Pop Up City ist ein skulpturales und abstrahiertes Stadtmodell der Forschergruppe content.associates und fungierte als Leitmotiv der Konferenz. Das Modell wurde im Rahmen einer Live Performance im öffentlichen Wohnzimmer des experimentellen TV-Formats “Seifenspender” (Daniel Aschwanden & Lars Schmid) als Spielbrett umfunktioniert.

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Fotos: Die Pop Up City von content.associates umfunktioniert als Spielbrett. Farbige Marker repräsentieren Datenspuren in einer fiktiven Zukunft der Stadt und regulieren den Zugang der Bürger/Spieler zu öffentlichen Plätzen und Einrichtungen, Geschäften, Lokalen und Immobilien (letztere repräsentiert durch mit Datenprofilen versehene aufblasbare und auf dem Spielfeld frei platzierbare Häuser). Im Bild rechts erklärt Daniela Kuka, Entwicklerin von SQS.loc (mit Klaus Gasteier), den Aufbau.

Das Pop Up City Spielbrett bildet nun eine anhand von Datenspuren codierte Stadtstruktur ab. Spieler spielen nach den Prinzipien von SQS* – alles, was sie tun, ist transparent und unterliegt einer öffentlichen Bewertung. Jeder Bürger erhält einen sog. Datenpass, der die individuelle Performance in den Bereichen “Wirtschaftlichkeit” (blau), “Kulturelle und Soziale Innovation” (orange), “Gesundheit und Nachhaltigkeit” (grün) sowie “Lust und Laster” (gelb) anzeigt.

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Fotos: Links der Datenpass des Spielers Lars Schmid. Rechts verteilt Daniela indes auch Datenpässe an die Zuschauer vor Ort, die aufgerufen sind, sich ihrem zugewiesenen Profil entsprechend im Spiel zu verhalten und die beiden konkurrierenden Spieler/Bürger zu bewerten.

Unter der Prämisse gilt für die Spieler, sich möglichst beliebt zu machen und den auf dem individuellen Datenpass verzeichneten “Citizen Score” zu optimieren. Andernfalls reduziert sich die Bewegungsfreiheit im urbanen Raum, Optionen werden unsichtbar oder unzugänglich und die Spielfigur, die ein zunehmend identisch werdendes digitales und physisches Selbst repräsentiert, entfernt sich mehr und mehr vom Spielziel, hier: das Erreichen der präferierten Wohnung.

Jaime Iglehart und Lars Schmid stellten sich als erste den Herausforderungen dieses fiktiven Stadtszenarios und kämpften live bei OktoTV um eine möglichst gute urbane Selbstverdatung. 
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Fotos: Links die beiden Spieler Jaime und Lars in Aktion. Rechts trägt Daniela die von Lars erzielten Performance-Punkte auf seinem Datenpass ab. Das neue Profil beeinflusst den nächstmöglichen Spielzug. (Die herannahende Riesen-Schildkröte im Hintergrund allerdings auch.)

Die Spieler werden von ihren Mitbürgern – und das sind in diesem Fall alle am Set anwesenden Akteure und Gäste – genau beobachtet. Sie bewerten ihr Verhalten und die Geschichten, die sie erzählen.

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Fotos: Seifenspender-Produktionsassistentin Ruth und Daniela lauschen aufmerksam den Geschichten der beiden Spieler, bevor es zur öffentlichen Bewertung kommt.

Das Spielsystem ist nur auf den ersten Blick ausschließlich repressiv. Haben sich die Spieler erst mal mit der Logik vertraut gemacht, öffnen sich Möglichkeiten für subversive Strategien. Bewegungsspuren, die sie durch ihre Entscheidungen im Raum hinterlassen, transformieren die urbane Datenlandschaft. Sie können sich also auch gezielt in für sie zugängliche Zonen “einschreiben” (Dank an Thomas Düllo für diese Denkfigur) und für sie unzugängliche Bereiche durch Kooperation und Absprache umcodieren und aneignen. Ein “Urban Feedback” Mechanismus, der die Stadt als mit-handelnden Organismus begreifbar machen soll, arbeitet außerdem der Ausbildung destruktiver Stadt-Strukturen entgegen – indirekt reguliert er Präferenzen und Entscheidungen durch Daten und greift beispielsweise bei zu starken Homogenisierungstendenzen ein.

Den methodischen und theoretischen Hintergrund erläuterte Daniela in einem Impulsvortrag zu “Preenaction – Mögliche Zukünfte des urbanen Raums erspielen?” im Panel “public! private!“, moderiert von Immanuel Schipper. Im Input und der anschließenden Diskussion ging es vor allem um die Frage, inwiefern eine neue Form des Gesellschaftsspiels zur Erforschung und Gestaltung von Wandlungsprozessen und Innovationen eingesetzt werden kann. Der Spielprototyp SQS.loc diente dabei als Case, um zu demonstrieren, wie sich vor allem auch komplexe digitale Phänomene in Brettspiele übersetzen lassen und im Spielen zu Experimentalanordnungen werden, die alternative gesellschaftliche Regelsysteme erfahr- und erforschar machen.

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Fotos: In einem kurzen Impulsvortrag erläutert Daniela, was hinter der Idee von SQS.loc und anderen Preenaction Spielen steckt: Die Überzeugung, dass wir neue Methoden brauchen, um über mögliche Zukünfte und alternative Realitäten nachzudenken und, dass das von ihr und Klaus Gasteier erforschte und praktizierte Crossover von analogem Gesellschaftsspiel und qualitativem Sozialexperiment eine solche Methode sein könnte.

Das Symposium wurde von der interdisziplinären Forschungsgruppe content.associates veranstaltet. Vielen Dank an die Initiatoren und Organisatoren ganz besonders an Ute Burkhardt-BodenwinklerDaniel AschwandenStefan Parnreiter-Mathys und Lars Schmid, außerdem an Jaime Iglehart und Immanuel Schipper.

Die im Beitrag verwendeten Fotos von der Performance sind Stills aus den Aufnahmen vom Seifenspender. Die Fotos vom Panel schoss Daniel Aschwanden. Hier gibt es noch mehr Bilder von der Performance und der Konferenz.

*) SQS.loc beruht in seiner Grundidee auf dem Spiel SQS, das im Rahmen der Special Interest Group “Mensch-Maschine-Persuasion” mit den Master-Studierenden Paul Schulze Niehues, Jan Winklmann, Sebastian Prassek, Eva Zahneißen, Gerald Dissen, Ekaterina Karabasheva, Anne-Kristin Müller, Natalija Krasnoperova und Janek Sebastian Nahm im Studiengang Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der UdK Berlin unter der Leitung von Klaus Gasteier und Daniela Kuka entwickelt und mehrfach öffentlich präsentiert und gespielt wurde.

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